Die Entstehung und die Geschichte der Eberswalder Orgelbauwerkstatt

Am 1.September 1851 wurde in Eberswalde ein Orgelbaubetrieb gegründet. Er hat den 1. und 2. Weltkrieg, die Inflation und den Sozialismus überstanden. Auch die schwierige Zeit nach der Wende brachte kein Aus für den Betrieb.

Die erste Orgel wurde vor 2250 Jahren in Alexandria gebaut. Interessant ist, dass die ersten Instrumente für die Begleitmusik im Theater und in der Arena gebraucht wurden und nicht für religiöse Zwecke. Ende des 8.Jahrhunderts wurde die erste Orgel in Deutschland gespielt. In vielen Städten des Landes haben Orgelbauer Werkstätten gegründet.

In Eberswalder wurde für das größte Musikinstrument 1851 eine Traditionsstätte geschaffen.
Friedrich Kienscherf machte sich am 1.September 1851 in Eberswalde – Neustadt selbstständig. Er nannte seine Werkstatt „Orgelbauanstalt“. Diese befand sich damals in der Jüdenstraße 12. Dort führte er Tischler- und Orgelbauarbeiten aus. Er fertigte aber auch neue Handharmonikas und Drehorgeln an. Es ist nachgewiesen, dass er 1852 Reparaturen an der Eberswalder Maria Magdalenen-Kirche ausführte und 1854 die erste Orgel neu baute. Seine älteste noch spielbare Orgel (erbaut 1860) steht in Heckelberg.
Im April 1854 kaufte er das Grundstück Jüdenstraße 8. Friedrich Kienscherf hatte 9 Kinder, 4 davon wurden Orgelbauer. Er starb am 13. September 1890 im Alter von 72 Jahren. In den 39 Jahren seiner Selbstständigkeit hat er viele Orgeln im Land Brandenburg repariert, umgebaut und neu gebaut.


 

 

 

 

 

 

 

 

Herrmann Kienscherf starb am 11.März 1912 im Alter von 60 Jahren. Sein Bruder Albert führte die Firma bis zu seinem Tod am 3.Mai 1928 alleine weiter. Mit seinem Tod endete die Familien-Orgeltradition Kienscherf.

 

 

 

 

Als Friedrich Kienscherf starb, übernahmen die beiden Söhne Herrmann, von 1890 bis 1912, und Albert von 1890 bis 1928 die Leitung der Orgelbauanstalt. Von dem Lebenswerk dieser Söhne ist leider nichts bekannt, aber ein Teil des Schaffenswerkes von ihnen konnte ermittelt werden.

 

 

 

 

 

Durch den 1.Weltkrieg und seinen Nachwirkungen wurden nur wenig neue Orgeln gebaut. Davon sind heute nur noch drei spielbar (in Ringenwalde, in Frauenhagen und in Hasenholz). Es wurden aber sehr viele Reparaturen ausgeführt.
Im Jahr 1917 wurde angeordnet, sämtliche Prospektpfeifen aller Orgeln in Deutschland auszubauen und der Material–Mobilmachungsbehörde zuzuführen. Den Krieg hat man damit zwar nicht gewonnen, es wurden aber alle Orgeln ihrer sehr wertvollen Prospektpfeifen beraubt. Auch die Firma Kienscherf war verpflichtet, ihre Pfeifen auszubauen.

Der ehemalige Lehrling und Mitarbeiter der Firma Kienscherf, Karl Gerbig, übernahm den Betrieb 1928. Nach 111 Jahren Orgelbau in der Jüdenstraße zog er in die Weinbergstraße. Er hat sieben Orgeln neu gebaut. Der Arbeitsbereich von Gerbig war Berlin und Brandenburg. Im Alter von 83 Jahren starb er am 17. Januar 1971.

 

Am 1. April 1965 übernahm Ulrich Fahlberg die Firma. Nun wurde die Orgelbauanstalt in Eberswalder Orgelbauwerkstatt umbenannt. In dieser Zeit war die Anfrage nach neuen kleineren Orgeln bis 1989 sehr groß. Ein Grund dafür war, dass die großen Orgelbaubetriebe in der DDR für das westliche und östliche Ausland bauten und dem Land Devisen brachten.

 

 

Die kleineren Betriebe (darunter auch die Eberswalder Werkstatt) konnten für den Inlandbedarf arbeiten. Unter der Leitung Fahlbergs befand sich der Betrieb an drei verschiedenen Werkstätten. Von 1965 bis 1972 in der Weinbergstraße 11, von 1972 bis 1985 in der Ackerstraße und ab 1985 in der Wilhelmstraße 31.

 

 

 

Während der Zeit von Ulrich Fahlberg wurden 530 Orgeln besichtigt und Kostenvoranschläge geschrieben. An 48 neugebauten Orgeln hängt sein Firmenschild. Seine größte Orgel steht in Gartz an der Oder.

 

 

Die kleinste Orgel ist ein transportables Instrument.
Da nach der Wende die Auftragslage oft Sorge bereitete, suchte der Betrieb ein weiteres Standbein. Dies wurde 1996 gefunden. Seit der Zeit werden nun auch Möbel aller Art repariert, restauriert und Einzelstücke nach Vorlage neu angefertigt.

 

 

 

Am 1. April 2005 übernahmen die ehemaligen Mitarbeiter Harry Sander und Andreas Mähnert die Eberswalder Orgelbauwerkstatt. Dies wird von ihnen als GbR (Gesellschaft bürgerlichen Rechts) geführt. Ihr bekanntester Neubau ist die Orgel für die Kapelle des Olympiastadion Berlins.